Wohin wächst China?

Mit seinem neuen Fünfjahresplan hat der Nationale Volkskongress China jüngst die Säulen vorgestellt, auf denen das Wachstum des Landes bis 2025 fußen soll. Mit ihm ergeben sich neue Rahmenbedingungen mit globaler Strahlkraft, hierbei aber auch neue Chancen – etwa für die Internationalisierung Thüringer Unternehmen. Gemeinsam mit dem China-Experten Professor Dr. Marcus Hernig nehmen wir die neuesten Entwicklungen in den Blick.

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Prof. Dr. Marcus Hernig ist promovierter Sinologe und Germanist. Als erfolgreicher Autor, Publizist und Dozent lebt er seit 1992 in China und kann somit fast drei Jahrzehnte Chinaerfahrung aufweisen. Marcus Hernig lehrt Chinakompetenz an der TU Berlin und USST Shanghai. Bild: Prof Dr. Marcus Hernig

Herr Hernig, handelt es sich bei den Leitlinien im neuen Fünfjahresplan um eine allgemeine politische Strategie oder lassen sich daraus bereits mittelbare Auswirkungen auf das Exportgeschäft deutscher Unternehmen ableiten?

„Zunächst einmal sind Fünfjahrespläne allgemeine Leitlinien für das politische und wirtschaftliche Handeln der chinesischen Regierung, die von der Legislative, dem Nationalen Volkskongress, formal bestätigt werden. In dem Plan lassen sich kurz- und langfristige Ziele und Strategien wiedererkennen. Einerseits stehen da wichtige Direktiven wie die China Vision 2035 und der Aufbau ökologischer Zivilisation besonders im Fokus. Andererseits verlangt ‚die Wahrheit‘, die man mit Deng Xiaoping bekanntlich ‚in den Tatsachen sucht‘, zunächst die Einhaltung der Wachstumsziele.“ 

Und das heißt konkret?

„China dürfte sich im Rahmen dieses Fünfjahresplans besonders auf die eigene Energiewende konzentrieren, also mehr in erneuerbare Energien und die dazugehörigen Technologien investieren. Hier wird es sicher einen harten Wettbewerb geben, deutsche Expertise ist meist gefragt als Add-on, Spezialzulieferer, Logistiker etc. Umgekehrt stehen mit dem Thema Klimaschutz verbundene Bereiche wie die Autoindustrie nach wie vor sehr gut da, allen voran deutsche Unternehmen. Von deren grüner Transformation wird wesentlich die Fortschreibung ihrer Erfolgsstory im Reich der Mitte abhängen. Ganz wichtig erscheint mir dabei, die Zukunft des Automobils nicht den Tech-Firmen wie Google oder Baidu zu überlassen, sondern hier strategisch zu kooperieren. Auch die Medizintechnik, eines der acht Schwerpunktfelder des neuen Plans, bleibt spannend für deutsche Unternehmen. Kurzfristig wird China nichts an der derzeitigen Wachstumsdirektive ändern, die nach wie vor den chinesischen Binnenmarkt stark bestimmt – mit bisher ja sehr guten deutschen Exportchancen.“

Einerseits will sich China im Zuge seiner neuen „Dual Circulation Strategie“ künftig stärker auf die Binnenwirtschaft konzentrieren, andererseits soll eine bessere Ergänzung von Außen- und Binnenwirtschaft erreicht werden. Ist zu befürchten, dass sich China mit der Strategie global stärker abschotten wird oder sehen Sie hierin eine Öffnung hin zum globalen Wirtschaftskreislauf?

„Die Zwei-Kreis-Strategie ist nicht ganz neu, schließlich steht die mittelfristige Fokussierung auf den Binnenkonsum makroökonomisch seit einiger Zeit im Fokus. Forciert wurde sie durch den US-China-Handelskrieg, dann die Corona-Krise und die immer stärkere Konzentration auf die eigene Leistungsfähigkeit, die sich in China besser als in vielen westlichen Staaten steuern lässt. China will weg von der großen Bedeutung seiner Export-Weltmeisterschaft und der Abhängigkeit von Importen. Aber: Die Binnennachfrage gerade nach deutschen Importprodukten bei einer immer anspruchsvolleren und kaufkräftigen jungen Käuferschicht ist eher gestiegen. Made in China hat trotz aller Propaganda auch bei jungen Konsumenten noch lange nicht den Stellenwert, den sich die Regierung erhofft. Hohe Qualität und ausländische Erfolgsmarken bleiben gefragt. Solche politischen Initiativen wie die World Import Fair in Shanghai zeigen auch plakativ diese Bedeutung. In China – in Asien allgemein – gibt man Erfolgreiches nicht ohne Weiteres auf. Auch zeigen die versprochenen Erleichterungen auf bisher sehr zugangsbeschränkten Marktsegmenten, dass die Grundpolitik der Öffnung nicht aufgegeben wurde. Das zeigt sich in den Verhandlungen um das EU-China-Investitionsabkommen. Auch der Plan ‚China Standards 2035‘ steht in einer langen Linie von Fünfjahresplänen und langfristiger Wirtschaftsplanung. China wolle bis 2035 neue Industriestandards für Informations- und Biotechnologiesysteme setzen, um die Entwicklung der Zukunftstechnologien entscheidend mitzuprägen. Die Netztechnologie 5G ist ein gutes Beispiel dafür.“

In unserem deutsch-chinesischen Workshop „China verstehen. Chancen erkennen.“ möchten wir ab dem 9. April gemeinsam mit Ihnen Meinungsbilder und Erwartungshaltungen sowohl auf Thüringer als auch chinesischer Seite analysieren und zu einem gegenseitig besseren Verständnis führen. Welchen Mehrwert dürfen Thüringer Teilnehmer von dieser Veranstaltung erwarten?

„Wir wollen mit diesem Format nicht einfach nur einen interessanten thematischen Vortrag präsentieren. Das Thema soll vielmehr der Aufhänger für eine intensive Diskussion mit Thüringer Unternehmen und chinesischen Vertretern sein, um Erfahrungen und Schwierigkeiten bei deutsch-chinesischer Zusammenarbeit aufzuzeigen. Was läuft gut und was läuft nicht so gut? – Darüber redet man am besten in seiner jeweiligen Muttersprache. Genau das wollen wir zunächst getrennt mit Thüringer und chinesischen Unternehmern tun. Die Ergebnisse sollen dann in der Abschlussveranstaltung am 23. April 2021 offen mit allen im Plenum diskutiert werden. Die Thüringer Unternehmen können so ihre eigenen Erfahrungen und Wünsche mit potenziellen chinesischen Partnern diskutieren, gemeinsam können Möglichkeiten der Kooperation oder auch Marktchancen für bestimmte Thüringer Produkte gefunden werden, was dann für weiterführende Aktionen wichtig ist. Die Thüringer können auch erkennen, welche Schwierigkeiten möglicherweise in der konkreten Kooperation mit chinesischen Unternehmen da waren – aber auch welche Chancen man sieht. Mit den chinesischen Partnern kann auch ein Bild dessen entstehen, was auf dem immer stärker werdenden chinesischen Binnenmarkt künftig gefragt ist. All das bietet ein offenes Format mit vielen Perspektiven.

Professor Hernig, vielen Dank für das Gespräch! Wir sehen uns am 9. April und freuen uns auf den gemeinsamen Austausch mit Ihnen, den Thüringer und den chinesischen Unternehmen.