ENTRADA 2.0

Interview mit Mischa Groh - Geschäftsführer der AHK Uruguay

Für unseren Sondernewsletter über die Mercosur-Länder haben wir den Geschäftsführer der AHK Uruguay gefragt, warum Thüringen und Uruguay so eng miteinander verknüpft sind und wie man Synergien gerade im Startup-Bereich künftig noch besser nutzen kann.

Quelle: Mischa Groh, Geschäftsführer der AHK Uruguay

Uruguay und Thüringen, seit wann besteht diese besondere Verbindung?

MG: Im Oktober 2018 besuchte unter Leitung von Minister Wolfgang Tiefensee eine branchenübergreifende Delegation aus dem Freistaat Thüringen das Land am Rio de la Plata. Schnell waren sich alle Teilnehmer einig, dass das zweitkleinste Land in Südamerika viele interessante Geschäftsmöglichkeiten für die Unternehmerschaft aus dem Freistaat bietet. Organisiert durch Thüringen International (LEG) besuchte 2019 eine zweite Delegation Uruguay mit dem Fokus auf die Branchen Medizin und Veterinär, Nahrungsmittelindustrie und Landwirtschaft sowie Energie und Umwelttechnik.

Uruguay war gerade sehr präsent bei den Investor Days Thüringen, wie ist das entstanden?

MG: In Zeiten der Disruption von traditionellen Geschäftsmodellen ist der Zugang zu Innovationen gefragt. Um diese Hürde zu nehmen, hat die AHK in den vergangenen Jahren ihr Serviceangebot für Startups weiter ausbaut. In diesem Jahr erwarten wir die ersten Startups, die sich in unserem Inkubator „einnisten“, den wir in Kooperation mit der Stiftung da Vinci gegründet haben. Unter bestimmten Voraussetzungen gilt dieses Angebot auch für thüringische Gründer, die den südamerikanischen Markt im Blick haben. Thüringischen Unternehmerpersönlichkeiten steht die Teilnahme am Mentoring-Programm der AHK offen. Eine gute Gelegenheit mit Innovationen made in Uruguay in Kontakt zu kommen.

Thüringen spielte bei dieser Entwicklung eine maßgebliche Rolle. In 2018 unterzeichneten wir ein Abkommen mit dem Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und digitale Gesellschaft, der LEG und der Nationalen Entwicklungsagentur (ANDE) in Uruguay, um die Brücke zwischen beiden Startup-Ökosystemen aufzubauen. Schon im darauffolgenden Jahr besuchte die erste uruguayische Startup-Delegation den Freistaat und in diesem Jahr öffneten die LEG und der STIFT die Tür für die Teilnahme uruguayischer Unternehmensgründer an den Investor Days Thüringen (IDT). Die Resonanz war überaus positiv. 54 Startups vom Rio de la Plata bewarben sich um eine Teilnahme. 15 uruguayische Jungunternehmer stellten ihre Innovationen in der virtuellen Arena aus und 4 nahmen mit Erfolg am Pitching-Wettbewerb teil. Dabei soll es aber nicht bleiben. Im Oktober planen wir eine virtuelle Delegation uruguayischer Startups durch Europa mit Halt im Freistaat und im Dezember freuen wir uns auf eine weitere Unternehmerdelegation aus Thüringen. Eine gute Gelegenheit die Partnerschaft auszubauen und neue Themen und Geschäftsmöglichkeiten in Angriff zu nehmen.

Ist das ein zusätzliches Thema zum Aufbau der Beziehungen zwischen Uruguay und Thüringen?

MG: Anfänglich und vordergründlich stand der Auf- und Ausbau der Handelsbeziehungen im Vordergrund. Dem folgte die Vernetzung der beiden Startup-Ökosysteme. In diesem Jahr wollen wir uns neben diesen Themen gemeinsam mit der LEG der Fachkräftegewinnung für thüringische Unternehmen widmen. Geplant ist die Vermittlung von Praktikanten sowie der Aufbau einer Jobbörse.

Man liest aktuell über eine virtuelle Messe für deutsche Produkte in Lateinamerika, die ExpoAlemania: was kann man sich darunter vorstellen?

MG:  Erstmalig findet in diesem Jahr die Leistungsschau der deutschen Wirtschaft in Lateinamerika als virtuelle Messe statt, die Expo Virtual Alemania Latinoamérica. Vom 14. bis 17. Juli feiert diese durch das Netzwerk der 19 deutschen Auslandshandelskammern (AHK) in Lateinamerika organisierte multisektorale, virtuelle Messe Premiere, an der Unternehmen aus Deutschland und 19 lateinamerikanischen Ländern teilnehmen.  Dabei treffen mehr als 200 deutsche und lateinamerikanische Aussteller auf über 100.000 Besucher. Eine optimale Gelegenheit für Unternehmen und Institutionen aus diversen Branchen ihre Produkte und Dienstleistungen auf dieser Plattform zu präsentieren und somit ihre Geschäfte zwischen Deutschland und Lateinamerika in diesen schwierigen Zeiten auf- und auszubauen. Für deutsche Unternehmen eine gute Gelegenheit im Rahmen einer Messe den ganzen Kontinent zu bearbeiten. Das entspricht einem Markt mit über 500 Mio. Einwohnern. Als Aussteller mit einem virtuellen Stand profitieren Unternehmen von der Gelegenheit zum Business Networking, Workshops und Unternehmenswebinaren. Auch die Thüringische Wirtschaft ist bereits vertreten!

A propos Lateinamerika – Argentinien ist in der Wirtschaftskrise, Brasilien ertrinkt in der Pandemie – welche Folgen hat das auf die Lage in Uruguay?

MG: Die wirtschaftspolitische Stabilität und hervorragende digitale Infrastruktur Uruguays (erstes 5-G-Netz in Lateinamerika) gewinnen in solchen Krisenzeiten weiter an Bedeutung. Das gibt der Hub-Funktion Uruguays für die Region weiter Auftrieb. Hinzu kommen zahlreiche neue steuerliche Anreize, die ausländische Investitionen anziehen und Arbeitsplätze schaffen sollen. Argentinien und Brasilien sind wichtige Handelspartner, weshalb die aktuelle Situation der beiden großen Nachbarn auch seinen Schatten über Uruguay wirft. Obwohl Uruguays Wirtschaft besser als seine südamerikanischen Nachbarn durch die Krise zu kommen scheint, erwarten Experten eine Schrumpfung der Wirtschaft von bis zu 4 Prozent sowie einen weiteren Anstieg des Staatsdefizits, der Inflation und Arbeitslosigkeit. Für 2021 wird wieder ein positives Wachstum erwartet, welches in weiten Teilen der größten ausländischen Einzelinvestition in der Uruguayischen Geschichte geschuldet ist. Das finnische Unternehmen UPM-Kymmene investiert über 3 Mrd. US$ in eine weitere Zellulosefabrik am Rio de la Plata.

Erst kürzlich titelte die Welt „Uruguay: Südamerikas Musterschüler in der Corona-Krise“. Wie hat es Uruguay geschafft, sich vom aktuellen Trend in Lateinamerika abzusetzen?

MG: Am 13. März trat in Uruguay der erste Corona-Fall auf. Die neue Regierung reagierte schnell und koordiniert und setzte im Folgenden auf Empfehlungen sowie Aufklärung statt auf Verbote. Damit schlug Uruguay einen eigenen Weg in der Bekämpfung der Corona-Pandemie ein. Und dies mit großem Erfolg! Ende Juni zählt Uruguay weniger als 80 aktive Corona-Fälle sowie 27 Tote. 99 Tage nach dem ersten Fall verzeichnete Uruguay den ersten Tag ohne Neuinfektionen. Dieser Umstand ermöglichte eine rasche Rückkehr in eine neue „Normalität“, die der Reaktivierung der Wirtschaft zugutekommt. Flankierend spannte die Regierung einen Rettungsschirm von 400.000 US$ auf, um den wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Pandemie zu begegnen. Dieser Fond speist sich teilweise aus einer Reduktion aller Gehälter im öffentlichen Dienst um bis zu 20Prozent. Ein im lateinamerikanischen Vergleich hochentwickeltes Gesundheitswesen, eine geringe Bevölkerungsdichte sowie die gut ausgebaute digitale Infrastruktur und Kultur sind weitere Faktoren, die Uruguay in der Krisenbewältigung zu Gute kommen.